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Multitasking in der virtuellen Realität der Gegenwart

ein experimenteller virtueller lebensraum

Verdichtetes

Gedichte halt.
Gehört, gelesen oder im Tv gesehen:

 

 

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist

sagt die Liebe.

 

von Erich Fried

 

 

 

 

 

 

 

Der Radwechsel (Brecht)
Ich sitze am Strassenrand.
der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechel mit Ungeduld?





 

 

"Mit fünfzig hat jeder das Gesicht, das er verdient." George Orwell

 

 





 

Abends treten Elche

geschrieben von Heinrich Eichen

Abends treten Elche aus den Dünen, ziehen von der Palve an den Strand, wenn die Nacht wie eine gute Mutter leise deckt ihr Tuch auf Haff und Land.

Ruhig trinken sie vom klaren Wasser, darin Sterne wie am Himmel steh'n, und sie heben ihre starken Köpfe lauschend in des Sommerwindes Weh'n.

Langsam schreiten wieder sie von dannen, Tiere einer längst versunk'nen Zeit.- Und sie schwinden in der Ferne Nebel wie im hohen Tor der Ewigkeit.













 

Das Lächeln
Ein Lächeln irrt verloren,
             durch einen lauten Saal,
bis es auf einem Bogen,
             von schillerndem opal
sein kleines Leben endet,
             den letzten Blick noch matt,
zu Der hinabgewendet,
             Die es verloren hat...










 

Palmström

 

Palmström steht an einem Teiche

und entfaltet groß ein rotes Taschentuch:

Auf dem Tuch ist eine Eiche

dargestellt, sowie ein Mensch mit einem Buch.

 

Palmström wagt nicht sich hineinzuschneuzen -

er gehört zu jenen Käuzen,

die oft unvermittelt-nackt

Ehrfurcht vor dem Schönen packt.

 

Zärtlich faltet er zusammen,

was er eben erst entbreitet.

Und kein Fühlender wird ihn verdammen,

weil er ungeschneuzt entschreitet.

 

 

 

 

 

 

 


 

Meeresstrand

Ans Haff nun fliegt die Möwe,
Und Dämmrung bricht herein;
Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein
Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.

Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen -
So war es immer schon.

Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.

Theodor Storm (1817 - 1888)










 

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

 


Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Wege des Laotse in die Emigration

1
Als er siebzig war und war gebrechlich,
Drängte es den Lehrer doch nach Ruh.
Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich,
Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.
Und er gürtete den Schuh.

2
Und er packte ein, was er so brauchte:
Wenig. Doch es wurde dies und das.
So die Pfeife, die er immer abends rauchte,
Und das Büchlein, das er immer las.
Weißbrot nach dem Augenmaß.

3
Freute sich des Tals noch einmal und vergaß es,
Als er ins Gebirg den Weg einschlug.
Und sein Ochse freute sich des frischen Grases
Kauend, während er den Alten trug.
Denn dem ging es schnell genug.

4
Doch am vierten Tag im Felsgesteine
Hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:
„Kostbarkeiten zu verzollen?“– „Keine.“
Und der Knabe, der den Ochsen führte, sprach:„Er hat gelehrt.“
Und so war auch das erklärt.

5
Doch der Mann, in einer heitren Regung
Fragte noch:„Hat er was rausgekriegt?“
Sprach der Knabe:„Dass das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.“

6
Dass er nicht das letzte Tageslicht verlöre,
Trieb der Knabe nun den Ochsen an.
Und die drei verschwanden schon um eine schwarze Föhre,
Da kam plötzlich Fahrt in unsern Mann,
Und er schrie:„He, du! Halt an!

7
Was ist das mit diesem Wasser, Alter?“
Hielt der Alte:„Intressiert es dich?“
Sprach der Mann:„Ich bin nur Zollverwalter,
Doch wer wen besiegt, das interessiert auch mich.
Wenn du’s weißt, dann sprich!

8
Schreib mir’s auf! Diktier es diesem Kinde!
So was nimmt man doch nicht mit sich fort.
Da gibt’s doch Papier bei uns und Tinte.
Und ein Nachtmahl gibt es auch: ich wohne dort.
Nun, ist das ein Wort?“

9
Über seine Schulter sah der Alte
Auf den Mann: Flickjoppe. Keine Schuh.
Und die Stirne eine einzige Falte.
Ach, kein Sieger trat da auf ihn zu.
Und er murmelte:„Auch du?“

10
Eine höfl iche Bitte abzuschlagen,
War der Alte, wie es schien, zu alt.
Denn er sagte laut:„Die etwas fragen,
Die verdienen Antwort.“ Sprach der Knabe:
„Es wird auch schon kalt.“
„Gut, ein kleiner Aufenthalt.“

11
Und von seinem Ochsen stieg der Weise.
Sieben Tage schrieben sie zu zweit.
Und der Zöllner brachte Essen (Und er
Fluchte nur noch leise
Mit den Schmugglern in der ganzen Zeit.)
Und dann war’s so weit.

12
Und dem Zöllner händigte der Knabe
Eines Morgens einundachtzig Sprüche ein,
Und mit Dank für eine kleine Reisegabe
Bogen sie um jene Föhre ins Gestein.
Sagt jetzt: kann man höfl icher sein?

13
Aber rühmen wir nicht nur den Weisen,
Dessen Name auf dem Buche prangt!
Denn man muss dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.
Darum sei der Zöllner auch bedankt:
Er hat sie ihm abverlangt.









 

Johann Wolfgang von Goethe
Der Fischer

 

  Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach der Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor:
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
"Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie's Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht.
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew'gen Tau?"

Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll,
Netzt' ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war's um ihn geschehn;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn.

 

 

 

 

 

 

Ottos Mops

Ottos Mops trotzt
Otto: fort Mops fort
Ottos Mops hopst fort
Otto: soso

Otto holt Koks
Otto holt Obst
Otto horcht
Otto: Mops Mops
Otto hofft

Ottos Mops klopft
Otto: komm Mops komm
Ottos Mops kommt
Ottos Mops kotzt
Otto: ogottogott

 

 

 

 

 

 

  Frei nach Ringelnatz

Meine Tante, Frau Bebatte*

welche niemals Kinder hatte,

Las vertieft im Tageblatte:

"Ein Mulatte, welcher 13 kinder hatte,

aß vor Hunger eine Ratte,

welche 19 Junge hatte."

Tante wurde weiss wie Watte:

"Oh mein Gott, die arme Ratte!"

*soll Babette heissen

 

 

 

 

 

 

 

Sachliche Romanze

-Erich Kästner-

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

 

 

Möwenflug

Conrad Ferdinand Meyer

Möwen sah um einen Felsen kreisen
Ich in unermüdlich gleichen Gleisen,
Auf gespannter Schwinge schweben bleibend,
Eine schimmernd weiße Bahn beschreibend,
Und zugleich im grünen Meeresspiegel
Sah ich um dieselben Felsenspitzen
Eine helle Jagd gestreckter Flügel
Unermüdlich durch die Tiefe blitzen.
Und der Spiegel hatte solche Klarheit,
Daß sich anders nicht die Flügel hoben
Tief im Meer, als hoch in Lüften oben,
Daß sich völlig glichen Trug und Wahrheit.

Allgemach beschlich es mich wie Grauen,
Schein und Wesen so verwandt zu schauen,
Und ich fragte mich, am Strand verharrend,
Ins gespenstische Geflatter starrend:
Und du selber? Bist du echt beflügelt?
Oder nur gemalt und abgespiegelt?
Gaukelst du im Kreis mit Fabeldingen?
Oder hast du Blut in deinen Schwingen?




 

Die Stadt

Theodor Storm

Am grauen Strand, am grauen Meer

Und seitab liegt die Stadt;

Der Nebel drückt die Dächer schwer,

Und durch die Stille braust das Meer

Eintönig um die Stadt.

 

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai

Kein Vogel ohn Unterlaß;

Die Wandergans mit hartem Schrei

Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei

Am Strande weht das Gras.

 

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,

Du graue Stadt am Meer;

Der Jugend Zauber für und für

Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,

Du graue Stadt am Meer.